Göttlicher KreditPrälat Prof. Dr. Friedrich Janssen,Geistlicher Beirat des BundesverbandesDie gegenwärtige wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik ist gekennzeichnet durch minimales Wachstum, anhaltende Konjunkturflaute und in deren Gefolge durch Konkurse, Pleiten und Insolvenzen zahlreicher Firmen sowie Aktienstürze. Viele Branchen und Firmen sind überschuldet oder nicht mehr der Lage, die aufgenommenen Kredite zu finanzieren beziehungsweise erhalten solche erst gar nicht.Auch die Kirche bleibt von finanziellen und wirtschaftlichen Sorgen nicht verschont. Viele Diözesen stehen vor Zwangsverkäufen kirchlicher Gebäude oder sind zur Schließung sozialkaritativer Einrichtungen gezwungen. In den Niederlanden ist der Verkauf von Kirchen an der Tagesordnung. Das Phänomen „Überschuldung“ gibt es aber nicht nur im ökonomischen Sektor oder auf anderen öffentlichen Ebenen, sondern auch und nicht minder gravierend im privaten, persönlichen Bereich. Viele Menschen werden von einem riesigen Schuldenberg erdrückt, die Pro-Kopf-Verschuldung des Einzelnen nimmt bedrohliche Dimensionen an. Manche Leute laborieren ein Leben lang an der Rückführung von Krediten. Zahlreiche Familien haben sich z. B. beim Hausbau übernommen und bürden in vielen Fällen auch noch der nächsten Generation die Lasten und Hypotheken auf. Ganze Wohngegenden werden scherzhafterweise „Marmeladensiedlungen“ genannt, weil die Bewohner wegen Überschuldung sich nur noch Marmelade als Brotaufstrich leisten können. Eine Überschuldung von ganz anderer Kategorie ist die des Menschen gegenüber Gott. Als freie Geschöpfe sind wir Menschen Wesen, die zu Gott Ja oder Nein sagen können. Wer zu Gott Nein sagt, sich von ihm absondert, der sündigt und lädt Schuld auf sich. Aber in unserer Alibigesellschaft haben wir ja für alles und jedes Fehlverhalten eine Entschuldigung parat. Man kann einen regelrechten Exkulpierungstrend feststellen, einen Zug der Zeit, sich von Schuld (culpa) freizusprechen. Schuld haben immer nur die anderen (Eltern, Lehrer, Gesellschaft, Staat, Kirche etc.). Wer jedoch leugnet, dass man vor Gott schuldig werden kann, muss sich von Johannes sagen lassen: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. (?) Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns“ (1 Joh 1,8.10). Vergessen wir es nicht, Jesus Christus ist für unsere Sünden gestorben: „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen“ (1 Petr 2, 24). In diesem Kontext ist es eine faszinierende Heilstatsache, dass Gott selber unsere Schuld auf sich nimmt, wegträgt, abträgt. Der Mensch und damit unser Bruder gewordener Sohn Gottes ist das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29). Jesus Christus, das Gotteslamm, deportiert die Hypothek der moralischen Verfehlungen einer ganzen Welt: „Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1 Joh 2,2). Obwohl selber sündenlos, lässt er sich zum Sündenbock der universalen Menschheit machen: „Er hat keine Sünde begangen“ (1 Petr 2,22), und doch hat Gott „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,21). Dieses Phänomen, nämlich dass Gott selber für die Schuld der Menschen sühnt, ist ein religionsgeschichtliches Unikat, das übrigens uns nur in der christlichen Religion begegnet. Es ist ein einmaliger beispielloser Vorgang, dass stellvertretend für alle Sünder aller Zeiten der sündenlose Gottessohn Sühne leistet. Ein Paradebeispiel für Solidarität, das seinesgleichen sucht. Mag der Mensch gegenüber Gott noch so überschuldet sein, er kann sich – wenn er denn will – stets von Gott entschulden lassen. Der reumütige Sünder ist und bleibt nach wie vor kreditwürdig. Er erhält immer einen neuen Kredit, der vom Erlöser selbst abgelöst wird und sich durch dessen Tod (mors) amortisiert. Was für ein Kredit! Ein göttlicher Kredit! Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |



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