Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung
www.kkv-bund.de
KKV-Bundesverband

Mittelstand: Kreditvergabe im Wandel

Dr. Frank Wallau,

Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM)

1. Mittelstand in Deutschland

Dr. Frank WallauDer erste Schritt bei der Darstellung der volkswirtschaftlichen Bedeutung der mittelständischen Unternehmen besteht in der Ermittlung der Anzahl aller deutschen Unternehmen. Bereits hier stößt man auf erhebliche Probleme, da weder eine vollständige Erfassung dieser Unternehmen noch eine entsprechende einheitliche Statistik existiert. Den höchsten Erfassungsgrad dürfte die Umsatzsteuerstatistik aufweisen.

Die Umsatzsteuerstatistik weist für das Jahr 2000 einen Bestand von 2,9 Mio. Unternehmen auf. Diese Zahl bedarf jedoch weiterer Korrekturen. So sind beispielsweise die nicht umsatzsteuerpflichtigen freien Heilberufe und Versicherungsagenten nicht enthalten. Zudem ist der sog. Gründungssaldo für das Jahr 2001 in Höhe von rund 70.000 Unternehmen hinzuzurechnen. Insgesamt agierten nach Berechnungen des IfM Bonn im Jahr 2001 rund 3,3 Mio. Unternehmen am Markt.

Die herausragende Bedeutung des Mittelstandes für die Volkswirtschaft wird immer wieder betont. Umso erstaunlicher ist es, dass es offensichtlich keinerlei allgemein anerkannte Definition gibt, was unter diesem Begriff überhaupt zu verstehen ist. In der Regel nähert man sich dem Wesen des mittelständischen Unternehmens über so genannte „quantitative Kriterien“, die Festlegung bestimmter Grenzen im Hinblick auf bestimmte Größenmerkmale, an. Das IfM Bonn zählt beispielsweise Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten oder 50 Mio Euro Jahresumsatz zum Mittelstand.

Unter Zugrundelegung dieser Definition ergibt sich, dass 89,2 % der deutschen Unternehmen im Jahr 2001 weniger als 1 Mio. Euro Jahresumsatz erzielten. 10,3 % der Unternehmen erzielten zwischen 1 und 50 Mio. Euro Jahresumsatz. Nur 0,5 % aller Unternehmen in Deutschland sind Großunternehmen, bzw. 99,5 % der deutschen Unternehmen sind als mittelständisch zu bezeichnen.

Sie beschäftigen rund 70 % aller Arbeitnehmer, bilden rund 80 % aller Auszubildenden aus und werden überwiegend – über 2 Mio. Unternehmen – in der Rechtsform des Einzelunternehmens geführt.
Mittelständische Unternehmen tragen mit rund 49 % zur Bruttowertschöpfung aller Unternehmen bei und tätigen 46 % aller Bruttoinvestitionen. Man kann daher den Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnen. (vgl. Abb. 1)

2. Grundstruktur der Mittelstandsfinanzierung

Wie eine im April/Mai 2001 bei knapp 1.000 Unternehmen durchgeführte Befragung belegt (WALLAU/KAYSER 2001), präferiert der Mittelstand ganz eindeutig die Selbstfinanzierung aus Gewinnen, Abschreibungen und Rückstellungen. Als Instrumente der Fremdfinanzierung werden Bankkredite bevorzugt. (vgl. Abb. 2)

Die mittelständischen Unternehmen decken ihren Fremdkapitalbedarf für Investitionen und Betriebsmittel primär somit durch klassische Bankkredite. Der Anteil der Kreditverbindlichkeiten an der Bilanzsumme der Unternehmen steigt dabei im Regelfall mit abnehmender Betriebsgröße.

GrafikIm Zuge eines verstärkten Bankenwettbewerbs und der Öffnung und Internationalisierung der Kapitalmärkte nehmen allem Anschein nach vor allem die Großbanken eine Neubestimmung ihrer Geschäftsstrategie vor. Sie haben den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten von dem Firmenkundenkreditgeschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen zunehmend auf attraktivere, ertragreichere Geschäftsfelder verlagert. Zwar kann noch nicht von einem flächendeckenden Rückzug der Banken aus der Mittelstandsfinanzierung gesprochen werden, Untersuchungen des IfM Bonn deuten jedoch darauf hin, dass mittelständische Unternehmen in den vergangenen Jahren mit einer zunehmend restriktiven Kreditvergabe konfrontiert waren. So ist das an den Mittelstand insgesamt ausgeliehene Kreditvolumen in den Jahren 1996 bis 1999 trotz steigender Nachfrage nicht mehr ausgeweitet, sondern vielmehr merklich reduziert worden (KOKALJ/PAFFENHOLZ 2001). Diese Veränderungen werden von den kleinen und mittleren Unternehmen sehr wohl wahrgenommen.

3. Basel II

Kreditinstitute unterliegen nach dem Kreditwesengesetz einer staatlichen Aufsicht und müssen Mindestkapitalanforderungen erfüllen. Der Basel I-Akkord aus dem Jahre 1988 bestimmte bislang recht einfach und pauschal, dass Unternehmenskredite von den Kreditinstituten mit 8 % Eigenkapital zu unterlegen sind. Die geplante Neuregelung (sog. Basel II) sieht eine Differenzierung der Eigenkapitalunterlegung nach der Bonität des Kreditnehmers und damit der individuellen Ausfallgefahr eines Kredits vor. Zur Bestimmung der Risikogewichte ist neben einem auf externen Ratings basierenden Standardansatz auch ein auf bankinternen Ratings basierender Ansatz, der von den meisten Banken und Unternehmen präferiert wird, als gleichwertige Alternative vorgesehen. Im Mittelpunkt von Basel II steht, sehr vereinfacht ausgedrückt, die zukünftige Verpflichtung der Banken, ihre Kreditvergabeentscheidung am individuellen Kreditrisiko zu orientieren, dadurch soll das Ziel, die Verbesserung der Effizienz und Stabilität des Finanzsystems, erreicht werden.

Auf der Grundlage des 2. Konsultationspapiers zu Basel II vom Januar 2001 wurde als Folge aufgrund des höheren Ausfallrisikos von Mittelstandskrediten zunächst mit einem zusätzlichen Zinsdruck für den Mittelstand gerechnet. Nach derzeitigen Überlegungen (Stand: Juli 2002) ist hiervon zumindest für den überwiegenden Teil des Mittelstands nicht mehr auszugehen.

Zum einen sollen Kredit nachfragende Unternehmen dem sog. Retail-Bereich zugeordnet werden. Dieses umfasst neben Privatkunden auch Unternehmen, deren Kreditsumme bei dem betreffenden Kreditinstitut insgesamt 1 Mio. Euro übersteigt. In dieses Segment dürften rund 80% der Mittelständler fallen. Aufgrund der stärkeren Risikostreuung soll der Retail-Bereich im Vergleich zu den geplanten Eigenkapitalunterlegungspflichten für sonstige Unternehmenskredite anrechnungs- mäßig privilegiert werden. So ist für Unternehmen im Vergleich zu den momentan gültigen Regelungen mit wesentlich niedrigeren Eigenkapitalunterlegungsanforderungen zu rechnen. Zum anderen sollen für Unternehmen mit höheren Kreditwünschen, die also oberhalb des Retail-Segments liegen, Erleichterungen geschaffen werden. Zwar gelten grundsätzlich höhere Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung, aber es ist vorgesehen, bei Unternehmen mit einem Umsatz bis zu 50 Mio Euro größen- und bonitätsmäßig gestaffelte Abschläge auf die Eigenkapitalunterlegungspflicht vorzunehmen. Nach Angaben des Bundesamtes für Finanzdienstleistungsaufsicht ist damit im Regelfall mit einer Absenkung der Eigenkapitalunterlegungsanforderungen auf unter 8% zu rechnen.Die endgültige Annahme von Basel II durch den Basler Ausschuss für Bankenaufsicht wird für Oktober 2003 erwartet, die neue Eigenkapitalverordnung wird dann im Jahr 2006 in Kraft treten.

4. Auswirkungen von Basel II auf die Fremdkapitalfinanzierung

Sofern als Folge von Basel II überhaupt mit Zinsanhebungen zu rechnen ist, werden sie demnach überwiegend eher moderat ausfallen. Basel II wird trotz aller bisher erreichten Erleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen die Kreditvergabepraxis der Banken nachhaltig verändern.

Da die Kreditinstitute aller Wahrscheinlichkeit nach schon vor dem In-Kraft-Treten der neuen Eigenkapitalverordnung ihre Systeme und Kreditvergabepraxis an den dann gültigen Anforderungen ausrichten werden, besteht für den Mittelstand schon jetzt die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Verbesserung der Transparenz zu ergreifen.

Transparenz erfordert neben der Bereitschaft zur Informationsweitergabe allerdings auch die entsprechenden Instrumente, Systeme und Organisationsstrukturen, um die geforderten Informationen bereitstellen zu können. Den Anforderungen bankinterner oder externer Ratingsysteme im Hinblick auf Qualität und Dokumentation der Unternehmensorganisation, Zukunftsorientierung des Unternehmens, Qualität der Controllinginstrumente, Dokumentation der wirtschaftlichen Verhältnisse usw. werden nach verschiedenen empirischen Untersuchungen nur die wenigsten Mittelständler gerecht.

Können Unternehmen den gestiegenen Informationsanforderungen zukünftig nicht nachkommen, müssen sie mit einer schlechteren Bonitätsbewertung und damit höheren Kreditkosten rechnen. Banken werden daher von ihren mittelständischen Kreditnehmern zukünftig eine aktive, offene und zeitnahe Finanzkommunikation erwarten.

Literaturverzeichnis

KOKALJ, L. / PAFFENHOLZ, G. (2001): Zukunftsperspektiven der Mittelstandsfinanzierung, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): Jahrbuch zu Mittelstandsforschung 1/2001, Schriften zur Mittelstandsforschung, Nr. 90 NF, Wiesbaden, S. 79 - 118.

WALLAU, F. / KAYSER, G. (2001): Das industrielle Familienunternehmen – Kontinuität im Wandel, hrsg. vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI),
Berlin.



Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.