Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung
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KKV-Bundesverband

Zur Gründung des Verbandes KKV im Jahr 1877

Heinrich Johannes Sommer

Wenn man früher einem Fremden begegnete und sich mit ihm unterhielt, kam oft die Frage auf: „Wo kommst Du her?“ Und wenn man eine ehrliche Antwort bekam, wusste man bald, mit wem man es zu tun hatte. Dies auf unseren Verband übertragen: Können wir unseren Zeitgenossen die Frage beantworten: „Wo kommt Ihr – verbandlich organisierten – Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung her?“ Unser Jubiläumsjahr sollte deshalb Anlass sein, uns etwas von der wichtigen Gründungsphase unseres Verbandes in Erinnerung zu rufen, von dem Gründungsgeist und von den Menschen, die die Gründung vorangetrieben haben.

Für die Katholiken in Deutschland gab es im 19. Jahrhundert viele Motive, sich enger zusammenzuschließen. Die alte Reichskirche war dahin, den geistlichen Fürsten und den Klöstern ihr weltlicher Besitz entschädigungslos genommen, Bischofsstühle blieben oft lange verwaist, an vielen theologischen Lehrstühlen machte sich eine mitunter bedenkliche „katholische Aufklärung“ breit und die weltlichen Landesherren maßen sich zunehmend die Aufsicht und Genehmigungspflicht von innerkirchlichen Vorgängen an, was schließlich zu einem harten „Kulturkampf“ zwischen Staat und Kirche in allen deutschen Ländern – nicht nur im Preußen, aber besonders dort – geführt hat.


Zunehmende Industrialisierung

Auch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich machten sich einschneidende Veränderungen bemerkbar. Reformen und verbesserte Technik hatten zu verminderten Beschäftigungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft geführt, eine erfreulicherweise verringerte Kindersterblichkeit zu einer starken Zunahme der Bevölkerung. Aber durch die zunehmende Industrialisierung, beginnend mit dem Eisenbahnbau und übergreifend auf viele Zulieferbetriebe, konnten die dadurch aufkommenden Probleme einigermaßen gemeistert werden. Auf die explosionsartigen Bevölkerungszuwächse waren die neuen Wirtschaftszentren jedoch nur unzureichend vorbereitet. Die aus ihrer ländlichen Geborgenheit kommenden Zuwanderer fanden zwar Unterkunft in schnell errichteten, hygienisch oft bedenklichen Mietskasernen. Eine neue Heimat zu finden, brauchte jedoch lange Zeit.


Kath. Erneuerungsbewegung

Auf die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Kirche, die Kultur, die Wirtschaft, das menschliche Zusammenleben insgesamt haben neben anderen Personenkreisen und Institutionen auch katholische Frauen und Männer in vielfältiger Form durch Initiativen geantwortet, die man zu Recht eine „katholische Bewegung“ nennen darf: Armen- und Krankenbetreuung, neue religiöse Genossenschaften, Verbesserung der Priesterausbildung, Intensivierung der Volksfrömmigkeit in Wallfahrten und Heiligenverehrung, Exerzitienbewegungen, Intensivierung der Pflege von Wissenschaft, Kunst, Literatur und Presse, Gründung von Studentenverbindungen, Arbeiter- und Gesellen- und landwirtschaftlichen Vereinen und die jährlich stattfindenden überörtlichen Katholikentage.

Politisches Sprachrohr der Katholiken war die Zentrumspartei. Mit der berühmten Kettelerpredigt auf dem ersten deutschen Katholikentag 1848 in Mainz wurde „die soziale Frage“ als besonderes Anliegen der deutschen Katholiken herausgestellt.

Auch katholische Kaufmannsorganisationen waren ein bedeutender Faktor in dieser katholischen Erneuerungsbewegung und wurden es immer mehr. Die nach Deutschland zurückgekehrten Jesuiten haben im Rahmen ihrer pastoralen Aktivitäten Marianische Kongregationen gegründet, oft – wie seit der Ordensgründung im 17. Jahrhundert praktiziert – geordnet nach Berufsständen. In Aachen begann P. Eck 1854 mit einer „Congregation für junge Männer, insbesondere Kaufleute“ unter dem Titel „Unbefleckte Empfängnis Mariae“. Dieser ersten Gründung folgten gleichgerichtete Initiativen in Münster, Bonn, Mainz, Köln, Koblenz, Freiburg und Düsseldorf.


Kaufleute gründen Vereine

In der Regel waren Jesuiten die Initiatoren und Präsides. Aber in Köln und Koblenz gaben junge Kaufleute den Anstoß zur Gründung einer Kaufmannsorganisation und in Düsseldorf war es der für die katholische Bewegung in Deutschland insgesamt bedeutende damals neunundzwanzigjährige Hofkaplan Hermann Joseph Schmitz (gestorben als Weihbischof von Köln). Der Schwerpunkt der Kongregationsarbeit war religiöser Art, denn, so begründete dies ein Zeitgenosse, der kaufmännische Stand laufe zu schnell Gefahr, nur von materiellen Interessen besessen zu sein. Aber die Kongregationen weiteten ihre Aktivitäten bald aus, beispielsweise auf die berufliche Aus- und Weiterbildung, die Einrichtung von Schulen und Bibliotheken, die finanzielle Unterstützung der Diaspora und, mehr symbolhaft, nicht zuletzt auch des Papstes.

Zeitgleich mit den immer stärker werdenden Spannungen zwischen Staat und Kirche wurden neben den Kaufmannskongregationen auch katholische Vereine für Kaufleute gegründet, beginnend 1867 in Trier, 1868 in Freiburg im Breisgau und 1872 in Elberfeld. In schneller Folge entstanden bis etwa 1877 weitere Vereine in Essen, Fulda, Aschaffenburg, Stuttgart, Würzburg, Dresden (Katholikenanteil weit weniger als 10 %!), Mainz, Frankfurt am Main, Mülheim an der Ruhr und Iserlohn. Die Motive zu den Gründungen waren unterschiedlich. Oft arbeiteten die Vereine parallel zu den Kongregationen oder mitunter sogar eng mit diesen zusammen; Mainz ist dafür ein Paradebeispiel. Neben der religiösen Ausrichtung – weniger streng als in den Kongregationen – beschäftigten sich die Vereine mit der beruflichen Aus- und Fortbildung und boten Gelegenheit zu freundschaftlicher Geselligkeit unter Gleichgesinnten. Ein wesentlicher Unterschied zu den von geistlichen Präsiden geleiteten Kongregationen war die Führung der Vereine durch Laien als Vorsitzende.

Ein solcher Laie als Vorsitzender war der Gründer des ersten kaufmännischen Vereins Deutschlands in Trier, über den hier kurz berichtet werden soll. Der „religiös-wissenschaftlich-gesellige Verein für junge Kaufleute und dergleichen“, später umbenannt in „Harmonia“, wurde von dem 27-jährigen Ingenieur Hieronymus Jaegen gegründet. Während seines Ingenieurstudiums an dem Königlichen Gewerbeinstitut in Berlin, der heutigen TU, hatte er die Einbindung in dortige katholische Vereinigungen schätzen gelernt. Diese Erfahrungen in der Diasporastadt Berlin wollte er mit der Vereinsgründung nach Trier einbringen.


Jaegen, der erste Selige des Verbandes

Jaegen wurde bald Geschäftsführer einer Trierer Maschinenfabrik, danach Gründer und erfolgreicher Leiter der Trierer Volksbank. Im Preußischen Landtag war er als fleißiger Haushaltspolitiker der Zentrumsfraktion geschätzt. Viele katholische Initiativen und Einrichtungen in Trier und darüber hinaus verdanken ihm ihre Entstehung. Mit seinen Büchern „Der Kampf um das höchste Gut. Das mystische Gnadenleben“ und „Der Kampf um das höchste Gut. Anleitung zur christlichen Vollkommenheit inmitten der Welt“ (Letzteres „Den kath. Männervereinen, namentl. den kath.-kaufm. Vereinen Deutschlands, gewidm. von dem Verf., einem Vereinsgenossen“!) hat der in großer Frömmigkeit lebende Jaegen seine Glaubenserfahrungen weitergegeben. Ein vor langer Zeit eingeleitetes Seligsprechungsverfahren in Rom ist weit fortgeschritten und hat wesentliche Stationen der zuständigen Kongregation passiert. Der in Trier hochverehrte Jaegen könnte somit der erste Selige des Verbandes KKV werden.

Zunehmende Drangsalierungen der katholischen Kirche gaben Anstoß zu Überlegungen, auch die katholischen Kaufmannsorganisationen stärker zusammenzuführen und in die gemeinsamen Aktionen der katholischen Verbände einzubinden. Wo diese Gedanken aufkamen, ist nicht mehr genau festzustellen. Es mögen Zentrumspolitiker wie der Freiherr Schorlemer-Alst, der Vorsitzende des Vereins der deutschen Katholiken, Freiherr vom Loe-Terporten, oder die kämpferischen Mainzer Prälaten Moufang, Haffner und Heinrich gewesen sein. Sicherlich waren zwischen diesen diesbezügliche Gespräche geführt worden.

Jedenfalls wurde der damals 29-Jährige, an St. Stephan in Mainz als Kaplan wirkende Dr. Friedrich Elz dazu motiviert, die bestehenden Vereine und Kongregationen zu einem Kongress nach Mainz einzuladen mit der Absicht, zu einem engeren Zusammenschluss zu kommen. Den äußeren Rahmen bildete das jährlich stattfindende Treffen der Kaufmannskongregationen. Als Termin wurde das Wochenende vom 8./9. mit Ausklang am 10. September 1877 festgelegt, Tage vor der Eröffnung des Katholikentages in Würzburg. Dadurch wurde eine gute Präsenz auch von außerhalb der Kaufmannsorganisationen stehenden Persönlichkeiten erreicht.


Elz initiiert Zusammenschluss

Der von Friedrich Elz vorzüglich ausgerichtete und von ihm präsidierte Mainzer Kongress führte zu dem beabsichtigten Ergebnis. Die anwesenden Delegierten der Kongregationen und Vereine beschlossen ihren verbandlichen Zusammenschluss sowie verstärkte Bemühungen um Neugründungen von weiteren katholischen Kaufmannsorganisationen. Ein bereits bestehendes Stellenvermittlungsbüro für junge Kaufleute in Mainz sollte weiter ausgebaut und das finanzielle Engagement für die Diaspora fortgeführt werden. Erst in dem folgenden Kongress 1878 in Koblenz wurde der Verbandsname festgelegt, der viele Jahre hindurch unverändert blieb: „Verband der katholischen kaufmännischen Kongregationen und Vereine Deutschlands“.

Einen Verbandsvorsitzenden oder ein Verbandsbüro gab es damals noch nicht. Vielmehr wurde ein Verein als „Vorort“ für die organisatorischen Arbeiten bestimmt. Der erste Vorort war Mainz und damit lag die Hauptlast zunächst und auch noch nachdem der „Vorort“ wechselte bei Friedrich Elz. „Auf den nunmehr alljährlichen Kongressen war er nicht nur ständiger Gast, sondern er trug die ganze Last und Hitze des Tages. Seine Arbeitsfreude im Dienste des Verbandes kannte keine Grenzen“, schrieb rückblickend einer seiner geistlichen Mitbrüder.

Seine Vorgesetzten hatten ihm unter Beibehaltung seiner Kaplanstätigkeit offensichtlich einen weiten Freiraum eingeräumt, sodass er bei seinen Reisen zu Vorträgen, Predigten und Exerzitien an vielen Orten auch erfolgreich zur Gründung neuer Vereine beitragen konnte. Um die Zusammenarbeit zwischen den Jahreskongressen und den direkten Kontakt zu den Mitgliedern zu intensivieren, schuf Elz 1881 die Verbandszeitschrift „Mercuria“, die er zunächst selbst redigierte. Auf die Dauer konnte die Diözese Mainz jedoch auf den hochqualifizierten Priester für die eigene pastorale Arbeit nicht verzichten. Nach einigen kurzen Zwischenstationen wurde Elz als Pfarrer und Dekan bis zu seinem Tod 1915 der katholische Repräsentant in der damaligen großherzoglich-hessischen Hauptstadt Darmstadt.



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