Neubeginn nach dem KriegInterview mit Dr. Georg BitterI.: Dr. Bitter, der KKV war, wie viele andere kath. Verbände im Dritten Reich verboten, wie kam es nach fast zehn Jahren 1947 zur Neugründung? Dr. Bitter: Diese Frage kann ich nicht unmittelbar beantworten, da ich erst 1951 in den KKV Recklinghausen eingetreten. bin, allerdings gab es in der Kirche kein einheitliches Konzept hinsichtlich der Sozialverbände. In jeder Diözese wurde anders entschieden. Der Bund kath. Unternehmer holte sich Prof. Höffner als Geistlichen Beirat, damit bekam der Verbandskatholizismus Auftrieb. Der Münsteraner Bischof Keller hat in den 50er-Jahren der KAS, dem Kolping-Werk und dem KKV die Gründung ermöglicht. 1962 wurde Prof. Dr. Josef Höffner Bischof in Münster. 1965 bat ich Bischof Höffner auf einem Diözesantag des KKV eine richtungsweisende programmatische Rede zu halten, in der es um den Stellenwert des Mittelstandes ging. I.: Hatte der KKV Einfluss auf die Neugestaltung einer zivilen, demokratischen Gesellschaft und die Ausgestaltung sozialer und gesellschaftlicher Belange in der jungen Bundesrepublik Deutschland? Fand dies in der Öffentlichkeit Beachtung? Dr. Bitter: Mit dieser Proklamation hat der KKV im Bistum Münster erheblichen Auftrieb erhalten. Das Bistum stattete alle Sozialverbände mit einem finanziellen Grundbetrag aus. So bekam auch der KKV einen Diözesan-Sekretär. Auf die Politik in der Bundesrepublik haben wir erheblichen Einfluss ausgeübt, unter anderem kämpften wir für die dynamische Rente, das Subsidiaritätsprinzip in der Politik und die kath. Soziallehre. Dabei mussten wir uns gegen maßlosen Konsum, gegen die Manipulation durch die Massenmedien und gegen die Aufweichung moralischer Maßstäbe einsetzen. I.: Welche Angebote hielt der Verband in den frühen Jahren nach seiner Neugründung 1947 für seine Mitglieder bereit? Dr. Bitter: Der Diözesanverband hat regelmäßig Veranstaltungen zur christlichen Soziallehre angeboten. Die Diözese war in vier Bezirke eingeteilt. Ganz wichtig waren die regelmäßigen Glaubensgespräche. Die Bildungseinrichtungen des Bistums standen dafür stets zur Verfügung. Ein besonderes Verdienst kam hier Prof. Dr. Wohle zu, ebenso dem Chefredakteur des „Kreuzschiffes“ und „Echo der Zeit“, Dr. Franz Lorenz. Beide haben sich besonders für die christliche Soziallehre und die Rentenpolitik eingesetzt. I.: Die Überalterung in den letzten Jahrzehnten ist nicht nur ein Problem des KKV. Wie wurden zu Beginn der 50er-Jahre jüngere Mitglieder für den Verband gewonnen? Dr. Bitter: Alle Sozialverbände begannen bei ihrer Wiederbegründung auf einem hohen Alterssockel, dieser verbreiterte sich im Laufe der Jahre. Wir hatten im Bistum Münster einen sehr aktiven Werber, der offiziell bezahlt wurde. So wurden viele Jahre die Abgänge durch neue jüngere Mitglieder ausgeglichen. Leider ist dies heute nicht mehr so. I.: Warum öffnete sich der KKV auch für weibliche Mitglieder? Dr. Bitter: Der Verbandstag des KKV 1965 in Fulda hat die Öffnung auch für die Aufnahme weiblicher Mitglieder nach durchaus hitziger Diskussion beschlossen. Ausgelöst wurde sie durch das Konzilsdekret, das Apostolat der Laien. Es besteht in der Kirche eine Verschiedenheit des Dienstes – aber eine Einheit der Sendung. Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion in der Gesellschaft ausüben, sollten sie das auch in den verschiedenen Bereichen des Apostolates in der Kirche feiern und diese wurde mit der Öffnung des KKV erreicht. I.: Wie sehen Sie das formulierte Selbstverständnis des KKV „Dem Menschen dienen“ im Wandel der letzten 55 Jahre? Sind wir noch zeitgemäß mit dieser Formulierung in Zeiten von Shareholder Value und Spaßgesellschaft? Dr. Bitter: Dem Menschen dienen ist eine richtige Aussage. Die Kirche geht vorwärts, auch wenn es Diskussionen gibt. Christsein kann nur gelebt werden, aufgrund von Einsichten und zu Entscheidungen muss man durch Anliegen kommen. Wir müssen uns der Rechte der Menschen annehmen. Bischof Franz Hengsbach hat das mal so ausgedrückt: „Die Kirche darf kein stummer Hund sein, wenn es um die Rechte der Menschen geht.“ Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |



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