Arbeit durch IT?Beschäftigungschancen in der Informationsgesellschaftvon Stephan Pfisterer, Referent für Bildung und Personal beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e. V. IT als Jobmotor, Wissensarbeiter als Leitbild für zukunftsfähige Beschäftigung – diese einprägsamen Formeln, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre allgemein gültig schienen, sind heute umstritten. Zwischen 1995 und 2000 wurden in der Zukunftsbranche IT rund 190.000 neue Jobs geschaffen, sodass auf dem Höhepunkt des Booms rund 820.000 Arbeitsplätze bei Anbietern von ITK Hardware, Software und Services gezählt wurden. Eine beeindruckende Bilanz, die sich aus einer überschäumenden Branchenkonjunktur und jährlichen Umsatzsteigerungen im zweistelligen Bereich ergab. Diese Sonderentwicklung brach mit der Jahreswende 2000 zu 2001 allerdings zunächst ab. Verstärkt durch weltwirtschaftliche Einflüsse geriet auch die ITK-Branche in eine Krise. 2002 gingen 35.000 Arbeitsplätze wieder verloren, und auch im Jahr 2003 werden sich trotz erster Anzeichen einer konjunkturellen Erholung weitere Einschnitte nicht verhindern lassen. Erst ab 2004 werden wieder positive Signale vom IT-Arbeitsmarkt ausgehen. Dann allerdings ist mit einer konstant positiven Entwicklung zu rechnen.Konjunkturelle Einflüsse werden sich zunehmend mit demographischen Trends überlagern und gegenseitig beeinflussen. Fachkräftemangel ist damit kein Thema der Vergangenheit. Auch künftig müssen Strategien gefunden werden, um leistungsorientierte und technikinteressierte Menschen für die Branche zu gewinnen. IT kommt eine Querschnittsfunktion für die gesamte Volkswirtschaft zu. In Banken und Versicherungen, in der Automobilindustrie und dem Maschinenbau, bei Handel und Logistikunternehmen geht nichts mehr ohne digitale Datenverarbeitung. E-Commerce ist zur Realität geworden – bis weit in den Mittelstand hinein. Auf einen IT-spezifischen Arbeitsplatz in der IT-Branche selbst kommen zwei weitere bei den Anwendern. Der IT-Bereich steht für eine dynamische und sehr offene Struktur, auch auf dem Arbeitsmarkt. Zwei Drittel der Beschäftigten im IT-Umfeld, so die Schätzungen, verfügen über keine IT-spezifische Erstqualifikation, sondern sind als sog. „Quereinsteiger“ nachträglich in die Branche eingestiegen. Allmählich zeichnet sich hier eine Normalisierung, man könnte auch sagen: eine Professionalisierung, ab. Heute werden fachspezifische Berufs- und Hochschulabschlüsse verstärkt nachgefragt, die Qualität der Diplome spielt eine große Rolle. Die Anfangsgehälter der Absolventen sind wieder ins Normalmaß eingegliedert und mit denen anderer Ingenieur- und Naturwissenschaften vergleichbar geworden. Unabhängig davon gilt: Wer heute ein IT-Studium aufnimmt, wird sehr gute Karrierechancen haben. Im Studienbereich Informatik lag die bisherige Höchstzahl der Absolventen bei knapp 7.100 im Jahre 1997. Der mittelfristige Bedarf liegt bei 15–20.000 Absolventen. Die Entwicklung ist belastet durch die hohe Abbrecherquote von rund 50 %, die dafür sorgt, dass auch in den kommenden Jahren keine Schwemme an Informatikern und Informatikerinnen zu erwarten ist. Und das, obwohl die Studienanfängerzahlen bis zum Jahr 2000 kontinuierlich zugenommen haben. Zur Jahrtausendwende schrieben sich mehr als 38.000 Studierende ein, von denen aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch bestenfalls 20.000 nach dem Jahr 2005 auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Und die Zahlen sind rückläufig: Gerade noch 30.000 Studienanfänger und Anfängerinnen wurden 2002 gezählt. Ein neuerlicher „Fachkräftemangel“ kann nicht ausgeschlossen werden. Seit 1997 haben Schulabgänger auch die Chance auf eine duale Ausbildung in den IT-Berufen. Diese haben sich explosionsartig entwickelt. Zum Jahresende 2001 wurden rund 47.000 Ausbildungsverhältnisse bundesweit registriert. Doch auch hier hat der Konjunktureinbruch seine Spuren hinterlassen. 2002 waren erstmals weniger neue Ausbildungsverträge zu verzeichnen als im Vorjahr, die negative Entwicklung wird auch 2003 nicht gebremst werden. Positiv ist aber: Mit den IT-Berufen hat sich ein echtes Fachkräftepotenzial unterhalb der Hochschulabsolventen etabliert. Mit dem neuen System der IT-Weiterbildung ist seit 2002 zudem eine berufsbegleitende Entwicklung für die Absolventen der IT-Berufe möglich – bis hin zu einem hochschuladäquaten Niveau. Dies stellt weltweit eine Innovation im System der beruflichen Bildung dar. Auch hier sind die Prognosen mittelfristig positiv. IT ist aber mehr als nur ein Beschäftigungsfaktor. IT trägt zunehmend dazu bei, Arbeitsplätze und Wirtschaftsaktivitäten nachhaltig zu verändern. Die permanente Verfügbarkeit des Internets eröffnet viele Bequemlichkeiten: Homebanking, Informationsrecherche über das Netz, E-Mails an Freunde und Bekannte. Für körperlich Behinderte kann das Internet ein wesentliches Element darstellen, um mit der Umgebung in Kontakt zu bleiben. Lernen mit dem Netz wird zunehmend eine Selbstverständlichkeit. Und nicht zuletzt lassen sich Arbeitsplätze so gestalten, dass die Wissensarbeiter tatsächlich ein wenig unabhängiger werden von Zeit und Ort. Wo das möglich ist, ist auch die Zusammenarbeit im Projektteam vor Ort nicht mehr gebunden an die permanente physische Präsenz der Mitarbeiter. Home-Offices gewinnen an Bedeutung. Sie eröffnen nicht zuletzt die Chance, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren, als dies heute oftmals der Fall ist. Allerdings steht die Bundesrepublik in dieser Hinsicht ganz am Anfang. Noch immer ist der Büro-Normalarbeitsplatz die Regel. Und für die, die das Home-Office nutzen, stellt sich immer wieder die Frage, ob sie auf diese Weise nicht doch von informellen Informationsflüssen abgeschnitten sind. Arbeitsprozesse müssen den neuen Technologien angepasst werden, um eine optimale Nutzung zu gewährleisten. Telearbeit wird gerne im Kontext der Erwerbstätigkeit von Frauen diskutiert. Einerseits bietet die hoch entwickelte Informationstechnik die Voraussetzungen, um Teilzeitbeschäftigung und Telearbeit gerade auch von hoch qualifizierten Fachkräften zu ermöglichen. Eine Lösung für gesellschaftliche Problemstellungen – die geringe Präsenz von Frauen in technischen Berufsfeldern, die einseitige Verantwortungsübernahme für die Kindererziehung durch Frauen, die Benachteiligung von Frauen bei der Karriereentwicklung durch Familienphasen etc. – kann die Technik allein jedoch nicht bieten. Sie kann nur dazu beitragen, eine Flexibilisierung der Normalarbeitsverhältnisse und ihrer Organisationsformen voranzutreiben, die von beiden Geschlechtern dann wahrgenommen werden müssen. Die entsprechenden Entscheidungen müssen in den Familien selbst getroffen werden und bedürfen der Unterstützung durch die jeweiligen Unternehmen. Seit einigen Jahren bemühen sich Branchenverbände – von der Informationstechnik über die Elektrotechnik bis zum Maschinenbau –, Mädchen und junge Frauen für technische Berufe zu gewinnen. 2001 lag der Anteil junger Frauen an den Studierenden im ersten Fachsemester Informatik bundesweit bei knapp 19 Prozent gegenüber weniger als 12 Prozent fünf Jahre zuvor. Weniger positiv dagegen die Situation bei den Ausbildungsberufen. Zwar hat sich die Zahl der weiblichen IT-Azubis von 1997 bis 2001 verzehnfacht, stagnierte aber kontinuierlich bei einem Anteil von 14 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse. Frauen werden für die weitere Entwicklung der Branche eine wichtige Rolle spielen – und dies nicht erst dann, wenn die demographische Entwicklung zum Ende des Jahrzehnts dies erzwingt. Die Informationsgesellschaft ist ein generationen- und geschlechterübergreifendes Projekt, das jenseits der gegenwärtig schwierigen Lage für Beschäftigung und Arbeitsmarkt gute Aussichten bietet. Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |



IT als Jobmotor, Wissensarbeiter als Leitbild für zukunftsfähige Beschäftigung – diese einprägsamen Formeln, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre allgemein gültig schienen, sind heute umstritten. Zwischen 1995 und 2000 wurden in der Zukunftsbranche IT rund 190.000 neue Jobs geschaffen, sodass auf dem Höhepunkt des Booms rund 820.000 Arbeitsplätze bei Anbietern von ITK Hardware, Software und Services gezählt wurden. Eine beeindruckende Bilanz, die sich aus einer überschäumenden Branchenkonjunktur und jährlichen Umsatzsteigerungen im zweistelligen Bereich ergab. Diese Sonderentwicklung brach mit der Jahreswende 2000 zu 2001 allerdings zunächst ab. Verstärkt durch weltwirtschaftliche Einflüsse geriet auch die ITK-Branche in eine Krise. 2002 gingen 35.000 Arbeitsplätze wieder verloren, und auch im Jahr 2003 werden sich trotz erster Anzeichen einer konjunkturellen Erholung weitere Einschnitte nicht verhindern lassen. Erst ab 2004 werden wieder positive Signale vom IT-Arbeitsmarkt ausgehen. Dann allerdings ist mit einer konstant positiven Entwicklung zu rechnen.
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