„Entgrenzte“ Arbeitswelt – begrenzte Kinderbetreuung?Karin Esch und Dr. Lothar Beyer Neue Medien – Neue Arbeit ist ein Thema mit wechselnden Konjunkturen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die gesellschaftlichen Veränderungen, die dieses Stichwort andeutet, allgemein stark beachtet, ja oft sogar maßlos überschätzt wurden. Dem Börsenboom der New Economy entsprach eine Konjunktur vielfältiger positiver und negativer Utopien über die Zukunft der Arbeit. Es wurde eine Gesellschaft an die Wand gemalt, in der der klassische Arbeitnehmer und erst recht das „Normalarbeitsverhältnis“ der Vergangenheit angehörte, weil nunmehr jeder sein eigener „Arbeitskraftunternehmer“ sei.Arbeit sollte sich ganz von Zeit und Raum lösen und nur noch im „Cyberspace“ stattfinden. Oder der Arbeitsgesellschaft sollte am Ende überhaupt „die Arbeit ausgehen“. Nun allerdings scheint das Pendel eher wieder zurückzuschlagen. Die radikalen Propheten haben so schnell nicht Recht behalten, und nunmehr besteht nachgerade die Gefahr, die langsam, aber beharrlich wirkenden Veränderungen zu unterschätzen. Was sich in empirischen Forschungen zeigt, ist zwar keine apokalyptische Dämmerung der Industriegesellschaft, wohl aber ein Bündel von Trends, die sich mit der gemeinsamen Formel einer zunehmenden „Entgrenzung der Erwerbsarbeit“ beschreiben lassen. Diese Entgrenzung hat eine soziale, eine räumliche und auch eine zeitliche Dimension: Arbeitszeiten weichen zunehmend vom Schema des Normalarbeitstages ab, und dies gilt auch und gerade für Teilzeittätigkeiten. Die neuen Medien mit ihren neuen Möglichkeiten, Zeit und Raum zu überwinden, haben erheblichen Anteil an dieser Entwicklung. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass seit jeher auch andere Branchen, wie etwa das Gesundheitswesen und der Einzelhandel, durch Arbeitszeiten geprägt sind, die vom „Normalarbeitstag“ erheblich abweichen. Und die Entwicklung ist weiter im Fluss, denn sowohl von der Seite der Unternehmen als auch von der Seite der Arbeitenden wird mehr Flexibilität gewünscht (vgl. Bosch 2001). Zugleich ist Flexibilisierung der Arbeitszeiten auch aus wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gründen notwendig, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten.Aber andere gesellschaftliche Institutionen müssen bei dieser Modernisierung mitziehen: Ein europäischer Vergleich (Bosch/Wagner 2002) zeigt, dass die Arbeitszeitdifferenzen zwischen Frauen und Männern umso niedriger sind, je besser die Infrastruktur für die Kindererziehung ausgebaut ist. Und eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen wirkt sich – dieser Zusammenhang wird immer noch von vielen verkannt – auf den Arbeitsmarkt nicht be-, sondern entlastend aus und kann im Dienstleistungsbereich als Initialzünder für die Schaffung von Arbeitsplätzen wirken. Ein Faktor, der hierzulande die Entwicklung maßgeblich bremst, besteht nicht nur in quantitativer Unterversorgung (vor allem bei Krippen- und Hortplätzen), sondern auch in den unflexiblen Öffnungszeiten der meisten Tageseinrichtungen für Kinder. Diese richten sich noch immer nach der „Standard-Arbeitszeit“ – wochentags von morgens bis spät nachmittags (Esch/Stöbe-Blossey 2002). Daraus ergibt sich auch, dass die Forderung nach mehr Ganztagsbetreuung das Problem nur ungenau trifft, wenn sie nicht auch die Forderung nach mehr zeitlicher Flexibilität und Orientierung an den Arbeitszeiten der Mütter und Väter beinhaltet. Öffnungszeiten der Tageseinrichtungen für Kinder inkompatibel mit den Entwicklungstrends in der Arbeitswelt Viele zusätzliche Angebote der Kinderbetreuung, die im Westen geschaffen wurden, richten sich an Teilzeitbeschäftigte und gehen hierbei von der traditionellen Vormittagstätigkeit aus. So gibt es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen seit einigen Jahren den „Kindergarten mit verlängerter Öffnungszeit“, wo Kinder bis 14 Uhr betreut werden können; auch das Programm „Schule von 8 bis 13 Uhr“ ist in den Rahmen dieser Bemühungen einzuordnen. Diese Öffnungszeiten stellen insofern einen großen Fortschritt dar, als sie zumindest eine Halbtagstätigkeit am Vormittag ermöglichen, was beim „klassischen Kindergarten“ (bis 12 Uhr) nicht der Fall ist. Für immer mehr Teilzeitbeschäftigte sind diese Halbtagsangebote aber nicht ausreichend, weil sie ganztags arbeiten – wenn auch nicht jeden Tag. Außerdem können die „Standard-Ganztagsangebote“ – die sich an Öffnungszeiten von etwa 7/8 Uhr bis 16.30 / 17 Uhr orientieren – Arbeitszeiten, die am Wochenende oder gar abends / nachts liegen, nicht abdecken. Dieses Problem betrifft nicht nur die Medienbranche sondern etwa auch Beschäftigte im Einzelhandel, dessen Öffnungszeiten über die üblichen Betreuungszeiten hinausgehen, oder den Pflegebereich, wo Schicht- oder Wechseldienste die Regel darstellen. Vor allem die beiden letzteren Bereiche sind zugleich Branchen, in denen viele Frauen tätig sind. Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte haben hier vergleichbare Probleme. Im Westen fehlen die Angebote in den meisten Fällen ganz; im Osten gibt es die Tendenz, bestehende Infrastrukturen abzubauen. Nicht umsonst fordern 71 % der westdeutschen und immerhin 55 % der ostdeutschen Mütter flexiblere Öffnungszeiten der Tageseinrichtungen für Kinder (Kreyenfeld/Spieß/Wagner 2001). Flexiblere Öffnungszeiten haben nichts mit dem „Wegrationalisieren“ von Kindern zu tun! Flexible Betreuungszeiten der Tageseinrichtungen für Kinder haben demnach nichts mit dem „Wegrationalisieren“ von Kindern zu tun, wie dies oftmals proklamiert wird. Gestützt wird diese Perspektive nicht selten mit der pädagogischen Begründung, auf diese Weise würden nur Aufbewahrungsinstanzen für Kinder geschaffen, die dem Bildungsauftrag der Betreuungseinrichtungen entgegenlaufen. Die Orientierung am zeitlichen Betreuungsbedarf der Eltern darf in der Tat nicht der einzige Maßstab für die Ausgestaltung von Betreuungseinrichtungen sein. Deshalb ist eine differenzierte Diskussion darüber notwendig, wie Anforderungen an Flexibilisierung und an pädagogische Qualität miteinander in Einklang zu bringen sind. Modelle, die genau darauf abzielen, gibt es durchaus. Solche Modelle unterscheiden beispielsweise zwischen für alle verbindlichen Kernzeiten – etwa für Kindergartenkinder am Vormittag – und nach Bedarf „zukaufbaren“ Betreuungsstunden zu anderen Zeiten. Vor allem im Bereich der Schulkinderbetreuung würde ein differenziertes Angebot an Kursen zu verschiedenen Interessengebieten, an kompensatorischen, unterrichtsergänzenden Veranstaltungen sowie an kulturellen und sportlichen Aktivitäten dem Bildungsauftrag sicher eher gerecht als eine pauschale Fünf-Tage-Ganztagsbetreuung für alle. Was spricht dagegen, dass Teilzeitbeschäftigte beispielsweise an drei Wochentagen einen Ganztagsplatz in Anspruch nehmen und an den beiden anderen Nachmittagen selbst etwas mit ihren Kindern unternehmen? Solche Lösungen würden die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und insbesondere für geringqualifizierte allein erziehende Mütter die Gefahr vermindern, in die Sozialhilfe abzurutschen. Es ist nämlich belegt, dass die Kombination „gering qualifiziert“ und „allein erziehende Mutter“ eine hohe Wahrscheinlichkeit impliziert, von der Sozialhilfe abhängig zu sein bzw. zu werden (BMA 2001). Ein Faktor, der eine solche „Abwärtsspirale“ begünstigt, sind unter anderem auch die unflexiblen Öffnungszeiten der Tageseinrichtungen für Kinder. Durch starre Öffnungszeiten der Tageseinrichtungen für Kinder wird einer allein erziehenden Mutter schlichtweg der Arbeitsmarktzugang verweigert. Deshalb ist an die Kinder- und Jugendpolitiker der einzelnen Bundesländer die Forderung zu stellen, die teilweise unflexiblen Gesetze zur Regelung des Betriebs von Tageeinrichtungen für Kinder zu reformieren und solche zu schaffen, die einen experimentellen Spielraum zum Ausbau der Öffnungszeiten ermöglichen. Die freien Träger, die eine große Anzahl an Tageseinrichtungen für Kinder betreiben, sollten im Sinne ihrer Kunden – der Kinder und Eltern – solche politische Entwicklungen nicht nur beobachten, sondern aktiv einfordern. Literatur BMA, 2001 [Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung]: Lebenslagen in Deutschland. Berlin. Bosch, Gerhard, 2001: Von der Umverteilung zur Modernisierung der Arbeitszeit. Gelsenkirchen. Graue Reihe des Instituts Arbeit und Technik 2001-02. Bosch, Gerhard / Wagner, Alexandra, 2002: Konvergenz der Arbeitszeitwünsche in Westeuropa. Gelsenkirchen: Inst. Arbeit und Technik. IAT-Report 2002-01. http://iat-info.iatge.de/iat-report/2002/report2002-01.html. Esch, Karin / Stöbe-Blossey, Sybille, 2002: „Ganztags für alle“ IAT-Report 2002-09, http://iat-info.iatge.de/iat-report/ 2002/report2002-09.pdf. Kreyenfeld, Michaela / Spieß, C. Katharina / Wagner, Gert, 2001: Finanzierungs- und Organisationsmodelle institutioneller Kinderbetreuung. Neuwied / Kriftel / Berlin. Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |



Neue Medien – Neue Arbeit ist ein Thema mit wechselnden Konjunkturen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die gesellschaftlichen Veränderungen, die dieses Stichwort andeutet, allgemein stark beachtet, ja oft sogar maßlos überschätzt wurden. Dem Börsenboom der New Economy entsprach eine Konjunktur vielfältiger positiver und negativer Utopien über die Zukunft der Arbeit. Es wurde eine Gesellschaft an die Wand gemalt, in der der klassische Arbeitnehmer und erst recht das „Normalarbeitsverhältnis“ der Vergangenheit angehörte, weil nunmehr jeder sein eigener „Arbeitskraftunternehmer“ sei.
Was sich in empirischen Forschungen zeigt, ist zwar keine apokalyptische Dämmerung der Industriegesellschaft, wohl aber ein Bündel von Trends, die sich mit der gemeinsamen Formel einer zunehmenden „Entgrenzung der Erwerbsarbeit“ beschreiben lassen. Diese Entgrenzung hat eine soziale, eine räumliche und auch eine zeitliche Dimension: Arbeitszeiten weichen zunehmend vom Schema des Normalarbeitstages ab, und dies gilt auch und gerade für Teilzeittätigkeiten. Die neuen Medien mit ihren neuen Möglichkeiten, Zeit und Raum zu überwinden, haben erheblichen Anteil an dieser Entwicklung. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass seit jeher auch andere Branchen, wie etwa das Gesundheitswesen und der Einzelhandel, durch Arbeitszeiten geprägt sind, die vom „Normalarbeitstag“ erheblich abweichen. Und die Entwicklung ist weiter im Fluss, denn sowohl von der Seite der Unternehmen als auch von der Seite der Arbeitenden wird mehr Flexibilität gewünscht (vgl. Bosch 2001). Zugleich ist Flexibilisierung der Arbeitszeiten auch aus wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gründen notwendig, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten.
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