Herausforderungen des demographischen WandelsMax Wingen,Familienwissenschaftler Die inzwischen immer stärker in den Vordergrund der gesellschaftspolitischen Diskussion gerückte demographische Entwicklung stellt insbesondere kurz- bis mittelfristig ein „Datum“ dar, das rechtzeitig auch in die Betriebspolitik einzubeziehen ist. Aus betrieblicher Sicht besteht z. B. ein Interesse an einer in etwa ausgewogenen Altersstruktur der Mitarbeiter, weil eine möglichst gleichmäßige Besetzung der Altersgruppen die geringsten personalwirtschaftlichen Folgeprobleme mit sich bringen dürfte. Auch für die Sicherung der Qualität der menschlichen Ressourcen erscheint die Berücksichtigung der demographischen Rahmenbedingungen wichtig.Probleme zu lange verdrängt Unternehmensführungen sollten eigentlich aus den Fehlern lernen, die im politischen Feld zu beobachten waren und es auch heute in Teilen immer noch sind: Die von Bevölkerungsprozessen mit ihrer für sie charakteristischen Langzeitwirkung ausgehenden Problemfelder wurden und werden erst wahrgenommen, wenn der Problemdruck nicht mehr zu übersehen ist. Wichtig aber erscheint ein rechtzeitiges Bedenken und Einplanen der absehbaren Veränderungen. Leider gilt aber auch in der Unternehmenspolitik nicht selten, dass Tagesprobleme Langfristprobleme verdrängen. Es reicht indessen immer weniger aus, auf demographisch bedingte Probleme erst dann zu reagieren, wenn die Folgen der Bevölkerungsentwicklung im Betrieb unmittelbar und u. U. schmerzhaft spürbar werden. Zugleich aber ist die demographische Entwicklung vor allem langfristig – erst recht auf gesamtgesellschaftlicher, aber begrenzt auch auf unternehmerischer Ebene – ein Gestaltungsproblem. So sehr für die betriebliche Praxis Probleme der rechtzeitigen Anpassung an die Prozesse der demographischen Entwicklung im Vordergrund stehen, so sehr sollte zugleich der Aspekt der Rückwirkungen der betrieblichen Sozial- und Personalpolitik auf die demographische Entwicklung bedacht werden. Zumindest bleibt zu fragen, inwieweit auf der Mikroebene der Unternehmen durch die Art und Weise des Human Ressource Management insbesondere Entscheidungen für oder gegen die Übernahme von Elternverantwortung und damit die Sicherung der quantitativen und qualitativen Nachwuchssicherung beeinflusst werden. Vereinbarkeit von Familie und Beruf In diesem Zusammenhang kommt der Frage der konfliktfreieren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit eine erhebliche Bedeutung zu. Das gestiegene Bildungsniveau von Frauen – in der Schulbildung haben sie mit Männern inzwischen zumindest gleichgezogen, in der Berufsausbildung deutlich nachgezogen – schlägt sich im Bestreben der Mehrheit der jüngeren erwachsenen Frauen nieder, Erwerbstätigkeit und Familie in ihren Lebensentwurf zu integrieren. Damit sehen sich junge potenzielle und tatsächliche Eltern mit dem Problem konfrontiert, wie sie außerhäusliche Erwerbstätigkeit mit der Übernahme auch von Elternverantwortung besser in Einklang bringen können; die jungen Frauen und Mütter möchten dies möglichst in partnerschaftlicher Arbeitsteilung mit dem Mann tun. Die Lösung des Vereinbarkeitsproblems wird, wie vorliegende Untersuchungen erkennen lassen, die weitere demographische Entwicklung zwar nicht allein entscheiden, aber offensichtlich stark mitbestimmen. In der familienpolitischen Diskussion wird die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit nicht selten auf das gleichzeitige Nebeneinander von (möglichst vollzeitiger) Erwerbstätigkeit und Übernahme von Familienverpflichtungen verengt. Demgegenüber sollte das Vereinbarkeitsverständnis gerade im Blick auf die Aufbauphase der Familie gleichwertig die Möglichkeit einschließen, dass im Lebensablauf der einzelnen Frau (oder des Mannes) lebensperspektivisch gesehen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt; um so wichtiger sind dann freilich auch systematische Reformen im Wirtschaftsleben, die die spätere Rückkehr in das Erwerbsleben erleichtern (und Erschwerungen beseitigen). Familienpolitik als gesellschaftliche Ordnungspolitik muss Options- und Handlungsspielräume für Eltern erweitern, um sich möglichst frei für Familienmodelle ihrer Wahl in ihrer individuellen Lebenssituation entscheiden zu können. In der sozial- und familienpolitischen Diskussion wird die Vereinbarkeit inhaltlich keineswegs einheitlich verstanden – und das hat erhebliche familienpolitische Folgen. Während die einen darunter nur das gleichzeitige Nebeneinander der Übernahme von Familienverpflichtungen, gerade auch gegenüber noch kleinen, besonders betreuungsbedürftigen Kindern, und – möglichst vollzeitiger – Erwerbstätigkeit verstehen, legen andere Wert auf eine Sichtweise, nach der von (gelungener) Vereinbarung auch dann gesprochen werden kann, wenn zeitlich phasenversetzt erwerbsarbeits- und familiendominierte Lebensabschnitte einander ablösen. Unterschiedliche Familienmodelle In der politischen Diskussion gibt es hier deutlich unterschiedliche Präferenzen, und zwar heute meist in dem Sinne, dass im Wesentlichen die durchgängige Erwerbstätigkeit auch in der Aufbauphase der Familie favorisiert wird, die es durch entsprechenden Ausbau von außerhäuslicher Kleinkindbetreuung zu begünstigen gelte. Gesellschaftsordnungspolitisch verdient indessen eine Sichtweise besondere Hervorhebung, in der beide Verhaltensmuster (und Übergangslösungen) gleichwertig nebeneinander stehen. Die unterschiedlichen Familienmuster („Familienmodelle“) erfordern, damit sie möglichst gut lebbar sind, je familien- bzw. verhaltensmusterspezifische Randbedingungen. So hängt das Familienmuster mit für einen Elternteil phasenversetzten Schwerpunkten zwischen Familienarbeit und vorübergehendem Verzicht auf Erwerbsarbeit sowie späterer Rückkehr in den Beruf in seiner „Zumutbarkeit“ z. B. wesentlich davon ab, dass nicht nur Erziehungszeiten angemessen in der Rentenbiografie des betreffenden Elternteils berücksichtigt werden und Möglichkeiten der Weiterqualifizierung während der Familienphase zugänglich sind, sondern auch verlässliche Wiedereingliederungshilfen nach der Familienphase zur Verfügung stehen. Dies gilt vor allem dann, wenn die gesetzliche, mit Beschäftigungsgarantie geschützte Freistellungszeit wegen Kinderbetreu-ung aus persönlichen bzw. familiären Gründen überschritten wird. Bei der Rückkehr von Müttern, die über einige Jahre mehrere Kleinkinder „zu Hause“ betreut und erzogen haben, sollte der in dieser Zeit in aller Regel erworbene Zuwachs an Planungskompetenz gesehen und als positiver Faktor vom Betrieb berücksichtigt werden, (was mehr wiegen kann als die Kenntnis der jüngsten PC-Software-Ausgabe). Arbeitsplätze mit Mobilzeit Das Familienmuster mit durchgängiger voller Integration beider Geschlechter in die Erwerbsarbeitswelt setzt demgegenüber insbesondere ausreichende außerfamiliäre Kinderbetreuungsangebote voraus (wie sie für erwerbstätige Alleinerziehende ebenfalls bestehen müssen). Wo diese Kleinkindbetreuung für die betreffenden Eltern weitgehend kostenlos zur Verfügung gestellt wird, verlangt dies mit Blick auf in etwa ausgeglichene sozialökonomische Voraussetzungen, dass den Eltern, die diese „Realtransfers“ nicht in Anspruch nehmen, eine in etwa vergleichbare monetäre Leistung gewährt wird. Das Familienmuster mit beiderseitiger Erwerbstätigkeit, aber deutlich zurückgenommenen Erwerbsarbeitszeiten für einen oder beide Partner ist nur dann breitenwirksam praktikabel, wenn Arbeitsplätze mit Mobilzeit in ausreichender Zahl und auch für qualifizierte Tätigkeiten zur Verfügung stehen und Beeinträchtigungen in den Altersversorgungsansprüchen möglichst vermieden werden. Recht problematisch ist es, wenn „ideologische“ Positionen dahin bezogen werden, dass Kleinkinder ausschließlich zu Hause betreut werden dürften oder aber umgekehrt dahin, dass möglichst alles für eine außerfamiliäre Kleinkindbetreuung getan werden müsse. So wird nicht selten, wie besonders in skandinavischen Voten deutlich wird, eine außerhäusliche Kleinkindbetreuung deshalb so ausdrücklich als die bessere Lösung befürwortet, weil damit für beide Eltern eine durchgängige, also nur durch Mutterschaftsurlaub kurzfristig unterbrochene Erwerbstätigkeit ermöglicht werde. Für die weitere gesellschafts- und familienpolitische Entwicklung – auch über das eigene Land hinaus – erscheint gegenüber solchen Engführungen eine Entwicklungsperspektive vorzugswürdig, bei der möglichst große Entscheidungsfreiheit für die einzelnen Eltern wirtschaftlich und außerwirtschaftlich abgesichert wird, ihren eigenen Lebensentwurf besonders mit Blick auf die Lebensbedürfnisse des Kindes verwirklichen zu können. Hier sollte die Familienpolitik unter Einschluss der autonomen betrieblichen Familienpolitik möglichst große Options- und Handlungsspielräume für unterschiedliche Verhaltensmuster mit im Zeitablauf u. U. auch wechselnden Arrangements der Geschlechterarbeitsteilung und flexiblen Übergangslösungen sicherstellen. Dabei kann eine Auseinandersetzung notwendig werden mit in der Gesellschaft nebeneinander stehenden unterschiedlichen Leitbildern über die Geschlechterrollen; dadurch möglicherweise bedingte zusätzliche Konflikte auf der Ebene der einzelnen Familie gilt es ebenso abzubauen wie wirtschaftsstrukturell bedingte Konfliktlagen. Maßstab sollten hier weniger wie auch immer definierte Selbstverwirklichungsansprüche von Erwachsenen als vielmehr die konkrete Lebenssituation der Familie und insbesondere die Entwicklung der Kinder sein. Größeres Engagement der Väter In diesem Zusammenhang geht es nicht nur um Veränderungen der Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch um ein immer wieder Überdenken der Einstellungen und Verhaltensweisen auf Sei-ten der einzelnen Familienmitglieder. Ein größeres Engagement von Frauen und Müttern im Erwerbsleben erfordert ein größeres Engagement von Männern in Familie und Haushalt, eine ausgewogene Balance zwischen Männern und Frauen in Beruf und Familie. Die Rahmenbedingungen müssen dabei für unterschiedliche Handlungsoptionen und familienindividuelle Gestaltungen nach den persönlichen Wertentscheidungen entsprechenden Spielraum bieten. Dazu kann eine familienbewusste betriebliche Personal- und Familienpolitik – nicht zuletzt im Blick auf junge Väter – wesentlich beitragen. Weiterführender Literaturhinweis: Max Wingen, Familienpolitische Denkanstöße – Sieben Abhandlungen –, Grafschaft 2001. Nehmen Sie Stellung zu o.g. Artikeln oder verfassen Sie einen Leserbrief: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. |



Die inzwischen immer stärker in den Vordergrund der gesellschaftspolitischen Diskussion gerückte demographische Entwicklung stellt insbesondere kurz- bis mittelfristig ein „Datum“ dar, das rechtzeitig auch in die Betriebspolitik einzubeziehen ist. Aus betrieblicher Sicht besteht z. B. ein Interesse an einer in etwa ausgewogenen Altersstruktur der Mitarbeiter, weil eine möglichst gleichmäßige Besetzung der Altersgruppen die geringsten personalwirtschaftlichen Folgeprobleme mit sich bringen dürfte. Auch für die Sicherung der Qualität der menschlichen Ressourcen erscheint die Berücksichtigung der demographischen Rahmenbedingungen wichtig.
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